Ravizzas Schaffen

Da tummeln sich Trolle, Nachtgelichter, aus Tagträumen entwichene, da purzeln Clowns und Fabelwesen, Tier und Mensch in einem, durch den Bildraum. Ausgeburten, denkt man, einer kindlichen Fantasie, wie sie nur ein Naiver entwickelt haben kann. Angesichts der Bilder von Gian Pietro Ravizza schleicht sich der Gedanke an „Outsider“ ein. Das vermeintliche Kind war ein Mann von vollen neunzig Lebensjahren und er war ein aktiver Intellektueller, der viele Jahrzehnte lang als Professor für italienische Sprache an Zürcher Gymnasien gelehrt hat. Und da dem jüngsten Neunzigjährigen, den man sich denken konnte, auch ein prächtiges Quentchen Humor zur Verfügung stand, der gerne auch in seiner Bilderwelt aufblitzt, betreibte Gian Pietro Ravizza listige Wortspiele wie sie nur die italienische Sprache erlaubt, wenn er bemerkte, er habe viele Jahrzehnte gebraucht, um sich „in den Kindheitszustand vorzuarbeiten“. „Rimbambito“ heisst die unvergleichliche Wortfügung die man im Italienischen Alten zuteilt, wenn man sie als „kindlich gewordene“ bezeichnen will. Aber auch da macht man es sich zu einfach, wenn man Ravizzas Wortvernarrtheit für bare Münze nimmt.

Den Ironiewert gilt es vom Gesagten zu subtrahieren, wenn man genau wissen will, wie Ravizza zu seiner ungewöhnlichen Kunst kam: Es ist beileibe nicht so, dass sich das „Kindwerden“ – wie es oft geschehen kann – unwillentlich der Person bemächtigt, nein: Ravizza rief ganz bewusst, wenn er in seine Bildwelt abtauchte, das Kind in sich wach und übernahm für die Dauer des Schaffensaktes, seine Regungen und Gefühle. Da erweckte er die Gnome und Gespenster zum Leben, die ihn vor acht Jahrzehnten geängstigt und gepeinigt haben, da blies er Feen und den Zauberzwergen neuen Atem ein, die ihn als Kind entzückt und verzaubert haben. Es ist der allererste Blick auf die Welt, und der weckt nichts als Staunen. (Warum nur nennt man das Staunen so oft „ein kindliches“?).

Bei diesem bewussten temporären Herabsteigen in den eigenen Ursprung, gelang Gian Pietro Ravizza das Überraschende: Mit Stift und Pinsel vermochte er seine Erfahrungen zurückzubuchstabieren, bis sie den Dichtheitsgrad der Kinderjahre angenommen haben. Und als sei es eine Erklärung für Ravizzas Vitalität bis ins hohe Alter: Er lebte gleichzeitig das Leben des Kindes, das in ihm steckte, wie jenes des bestandenen Intellektuellen, der er war. Und beide dieser Leben ergänzten sich, sie korrigierten und relativierten sich gegenseitig, – und sie erzeugten in diesem stets neu belebten Widerspiel Bildvisionen von fruchtbarer Irritation. Und seit je ist es ja diese produktive Irritation, die den Gedankenapparat in uns Kunstbetrachtern in Gang setzt, den Gefühlsorganismus mit frischem Öl schmiert.

So geschieht es, dass selbst der abgebrühte Betrachter von diesen Bildern unwillentlich in sein Kindesalter zurückgestossen wird, wo sie verschüttete Emotionskonstellationen und Einbildungsmechanismen blanklegen. An diesem Punkt bleibt denn dem erlebenden Betrachter nichts anderes, als nach den Farbstiften zu verlangen um die Flächen, die Ravizza mit seinem Stift vorgab, eigenhändig auszumalen. Falls es der Künstler Ravizza nicht bereits (und schon lange) mit dem Pinsel für ihn getan hatte.

Mit diesen Schilderungen der Erlebnisse vor Ravizzas Bildern müsste uns (hoffentlich!) eine Verständnishilfe gelungen sein, die das bewusste Herbeiführen des künstlerischen Ansatzpunktes möglichst verbindlich fasst und so die Nähe zu jener surrealistischen Haltung verdeutlicht, die jedes unkontrollierte Hervorbringen mit einem hohen Grad an Kontrollbewusstsein vorwärtstreibt.

Einen derart gewagten Schritt zu tun ohne sich zu verlieren, das kann sich nur jener Künstler leisten, der alle verwegenen Wagnisse im Schutz einer beweglichen Intellektualität ausführt, die ihm Fangnetz ist. So souverän demonstrierte Ravizza den Unterschied zwischen einem kindlich gebliebenen (oder: gewordenen) Alten und dem Künstler, der, als Alter, die Kindheit anruft, um sie zu feiern. Und zu dieser Feier lädt Gian Pietro Ravizza uns Betrachter ein!

 

Peter K. Wehrli